Die Nato ist ein militärisches Interessenbündnis aus dem Gros` der westlichen Industrienationen mit einem mittlerweile fragwürdigen Erweiterungsdrang nach Osten, der die aktuelle Mitgliederzahl auf 28 Staaten hat anwachsen lassen und dadurch auch in Zukunft das US-amerikanische Hegemonstreben sichern soll. Wodurch sich die Nato nach dem Ende des Kalten Krieges definieren und die ideologischen Grundlagen ableiten soll ist ihren Mitgliedern nicht mehr ersichtlich. Es wird weiterhin die Mär vom Sicherheits- und Menschenrechtsgaranten bemüht, der diese aus purem Altruismus sowohl in Jugoslawien wie in Afghanistan etc. verteidigt.
Die eigentliche Realität der Nato hingegen ist ihr purer Selbstzweck. Es werden weltweit Krisen fokussiert und finanziert, um einen neuen Bedarf an Waffen zu produzieren, welche wiederum ihrer Anwendung erfordern, am besten dort wo sich Rohstoffe sichern und neue Geschäftspartner finden lassen. Dieser apokalyptische Zirkel ist ein Perpetum Mobile, der auf der einen Seite Krieg und Terror, auf der anderen ökonomische Gewinne zur Folge hat: des einen Leid ist des anderen Freud.
Durch die beschleunigte Externalisierung und Digitalisierung des Krieges ist die militärische Dimension für die Entscheidungsträger mittlerweile nur mehr eine symbolische beziehungsweise konventionelle Erweiterung der neoliberalen WirtschaftsPolitik, ja überhaupt gänzlich durchdrungen von monetären Interessen und deren Administration. Angefangen beim globalen Konkurrenzkampf der Waffenexporteure - Deutschland hält sich wacker auf Platz drei bis vier - über die Einbindung in und Konsolidierung von multilateralen Abkommen, bis hin zur über-lebensnotwendigen Aneignung der fossilen Energieträger frei nach dem Motto: „Was können wir dafür, dass unser Öl unter arabischer Wüste liegt?“
Wer zu dieser Analyse gekommen ist, konnte sich nicht ruhig verhalten, als sich dieses Mords-Unternehmen anlässlich seines 60-jährigen Bestehens in Straßburg, Kehl und Baden-Baden selbst beweihräucherte und dazu 100 Millionen Steuergelder beanspruchte. Zu ihrem Schutz hatten die Verantwortlichen über 30000 Polizisten/innen auf deutscher und französischer Seite zusammen gezogen und im Vorfeld bereits die zu erwartenden kritischen Stimmen mit repressiven Auflagen belegt. Vor allem die vom Grundgesetz und dem Vertrag über die europäische Verfassung garantierten besonderen Rechte zur Versammlungsfreiheit (vgl. Art. 8, bzw. Art. II-27) wurden zumindest in Deutschland bis zur Unkenntlichkeit mit zum Teil absurden bis paranoiden Auflagen durch das Innenministerium BW verstümmelt. In Baden-Baden war es beispielsweise auf der Anti-Nato Demonstration verboten zu rennen, einen Hund mitzuführen, näher als einen Meter fünfzig an einen Polizeibeamten heranzutreten, eine Wasserspritzpistole dabei zu haben, einen Kapuzenpulli anzuhaben, eine Stange aus Metall, ein hartes Holz oder weiches das länger als drei Meter, oder breiter als drei Zentimeter misst zu benutzen, oder ein Transparent parallel zur Laufrichtung zu halten, oder sich lauter als 90 Dezibel zu äußern etc. pp.
Aus diesem Grund ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass dort lediglich 300 Menschen demonstrierten und damit gleichzeitig die Anwesenheit von ca. 8000 Polizeikräften und das bombensichere „Betreuungsverhältnis“ völlig desavouierten. Als einziges Motiv für die Klatschpresse blieb deshalb nur ein exhibitionistisch veranlagter junger Mann, der mit diversen Tanzeinlagen auf sich aufmerksam machte...
Gänzlich umgekehrt war die Situation im französischen Straßburg. Dort waren auffällig viele Demonstranten/innen vollkommen mit vornehmlich schwarzer Kleidung bedeckt, wohingegen die Polizei streckenweise überhaupt nicht zu sehen war. Dadurch entstanden, vermutlich beabsichtigt, absolut rechtsfreie Räume in denen sich die gewaltbereiten Nato-Gegner/innen vor staatlicher Verfolgung nicht zu fürchten hatten und ihrer Militanz deshalb nichts im Wege stand. Diese Personengruppe, die wie ein Mob durch die Straßen zog und alles zerstörte, anzündete und plünderte was nicht unzerstörbar, feuerfest und nutzlos war, oder sich zur Wehr setzte, berauschte sich am Gefühl des momentanen Anarchismus und war zu keiner kognitiven Leistung mehr fähig.
Damit hat sie der linken- und allem voran der Friedensbewegung einen Bärendienst erwiesen, sind es doch die von den Extremisten verursachten Bilder die von den diesbezüglich gleichgeschalteten Medien in alle Welt transportiert werden und nicht die Inhalte nach denen dann schon zweimal nicht mehr gefragt wurde.
Es steht außer Frage, dass sich vermutlich jeder Linke insgeheim freut, wenn er Polizisten vor einem Hagel aus Steinen und Flaschen zurückweichen sieht und überall Zeichen des Widerstands auf Mauern gesprayt werden, aber man muss doch wissen aus welchem Grund das alles passiert.
Wie es den Anschein machte war es in Straßburg die pure Lust an der Zerstörung die die Militanz der Extremisten leitete. Militanz jedoch, wie jede andere Form des Protests, ist ein Mittel, welches eine Überlegung über die Sinnhaftigkeit bzw. Kosten und Nutzen der Aktion im Hinblick auf die Zukunft verlangt. Oftmals ist ein kämpferisches, manchmal vielleicht sogar militantes Vorgehen gegen Polizei- und Staatsräson angebracht. In diesem Sinne ließe sich der Brand der alten Zollstation in Straßburg als symbolisches Opfer gegen die weltweit willkürliche Staatenkontrolle der Nato und als energischer Ausdruck der eigenen Empörung rechtfertigen, aber die Vernichtung einer Apotheke, eines Hotels, etc. wo bewusst Menschenleben und die Zerstörung von Eigentum der Anwohner in Kauf genommen wurden, nicht mehr.
Das Finden der richtigen Protestkultur ist mindestens genauso schwierig und wichtig wie das Finden des Protest-Ziels, denn die richtige Form bestimmt das Gelingen der Revolution, die falsche bedingt ihr Scheitern.
Freitag, 10. April 2009
60 Jahre Nato. Der Gipfel in Straßburg, Kehl und Baden-Baden: Beobachtung, Darstellung und Bewertung der Protestformen.
von bombay beats 1 Kommentare Rubriken: Über den Tellerrand
Bildungsstreik 2009
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Wenn ihr uns bei der Organisierung des Bildungsstreikes in Augsburg Helfen wollt. Oder auch einfach nur genauer wissen wollt was wir so machen, dann meldet euch einfach per e-mail unter : Bildungsbuendnis-Augsburg@web.de
oder auf unserem Infotelefon: 0174 8387786
Wir freuen uns darauf von euch zu hören.
Bis denne
Euer ABB
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Freitag, 13. März 2009
Zur Kritik der Modularisierung und des Credit-Point-Systems - Ein Diskussionsbeitrag
Der sogenannte Bologna-Prozess der Hochschulreform ist in vollem Gange. Mittlerweile wurden sämtliche Studiengänge modularisiert und die meisten davon auch auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt. Wer "zu spät geboren" wurde oder das Abi auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hat und deshalb erst jetzt ein Studium beginnt, hat zunächst einmal gar keine andere Möglichkeit, als sich mit dem neuen System zu arrangieren.
Dass die neuen Studiengänge Realität sind, ist jedoch kein Grund, nicht kritisch zu fragen, was diese an Veränderung bedeuten. Der folgende Beitrag beschränkt sich im Wesentlichen auf eine kritische Analyse der Modularisierung und insbesondere des Systems der Credit Points bzw. Leistungspunkte. Diese Elemente sind Bestandteil sowohl des Bachelors als auch des Masters sowie der noch nicht auf die neuen Abschlüsse umgestellten modularisierten Lehramtsstudiengänge. Darüber hinaus wäre eine Analyse des Systems der zwei- bzw. dreistufigen Studienabschlüsse zu leisten.
Anliegen der im Folgenden geäußerten Kritik ist nicht die Idealisierung der alten Studiengänge, sondern eine nüchterne Betrachtung dessen, wie sich Studium unter den Bedingungen von Modularisierung und Leistungspunkten verändert.
Gestiegene Arbeitsbelastung
Ein Beispiel: Regelstudienzeit im alten Studiengang Diplom-Pädagogik waren neun Semester. Dabei mussten im Grundstudium neun Scheine, im Hauptstudium acht erworben werden. Dazu kam ein vierwöchiges Pflichtpraktikum im Grundstudium sowie zwei vier- bzw. achtwöchige Praktika im Hauptstudium. Selbstverständlich waren mit den Scheinen noch nicht alle prüfungsrelevanten Bereiche abgedeckt und der Besuch weiterer Lehrveranstaltungen nötig bzw. sogar in der Studienordnung festgeschrieben. Darum brauchte man sich jedoch nicht weiter zu kümmern, gab es doch keine Stelle, die kontrollierte, ob man diese Seminare tatsächlich besucht oder sich dafür entschieden hatte, sich die Prüfungsliteratur selbständig anzueignen und stattdessen Seminare zu besuchen, die nicht im engeren Sinne prüfungsrelevant waren, eineN aber stärker interessierten.
Wer BA Erziehungswissenschaften studiert, dem/der werden dagegen innerhalb von sechs Semestern 84 Semesterwochenstunden (plus zwei jeweils vierwöchige Praktika) aufgebrummt, was auf durchschnittlich 14 SWS hinausläuft. Mit diesen 14 Stunden ist es aber noch nicht getan, denn wie in anderen BA's wird auch hier der erfolgreiche Studienfortschritt durch die Vergabe von Leistungspunkten nach dem European Credit Transfer System (ECTS) gemessen. Diese Leistungspunkte sind als "Maß für den Arbeitsaufwand, der für den Studenten mit der Einbringung ... verbunden ist" (vgl. § 11 der Prüfungsordnung des BA Erziehungswissenschaften) konzipiert. Das bedeutet, dass jede Lehrveranstaltung und die dafür nötige Vor- und Nachbereitungszeit sowie die in diesem Zusammenhang geforderte Prüfungsleistung in einen durchschnittlich dafür notwendigen Arbeitsaufwand umgerechnet wird.
Für den sechssemestrigen Bachelor Erziehungswissenschaft sind dabei insgesamt 180 Credit Points bzw. (umgerechnet in Arbeitsstunden, wobei ein CP dreißig Stunden entspricht) 5400 Stunden zu erbringen. Das macht aufs Semester gerechnet 900 Stunden, was bei 26 Wochen pro Semester bedeutet, dass Bachelor-Studierenden eine durchschnittliche Wochenstudienzeit von 34,6 h zugemutet wird (in dieser Rechnung außen vor gelassen sind die zweimal vier Wochen Pflichtpraktikum, die die Wochenstudienzeit entsprechend erhöhen, für die aber keine Credit Points vergeben werden). Wenn man von einer normalen Vollzeitwoche mit 40 h ausgeht, würde das bedeuten, dass Bachelor-Studierende etwas mehr als 5 Stunden die Woche Zeit zum Jobben haben. Dass das bei den für Studie-Jobs üblichen Stundenlöhnen (insbesondere den lachhaften HiWi-Löhnen) vorne und hinten nicht für ein anständiges Leben reicht (auch wenn man noch Bafög oder Kindergeld bekommen sollte), versteht sich von selbst. Ergo wurde bei der Einführung des Bachelors entweder darauf gesetzt, dass Studierende ruhig mehr schuften können, als durchschnittliche ArbeitnehmerInnen oder eben ganz selbstverständlich von ihren Eltern mitgetragen werden müssen. Dass diese Voraussetzung zumindest bisher nicht alle Studierenden mitgebracht haben, dürfte bekannt sein. Wen solche Bedingungen vor allem von einem Studium abschrecken, ist ebenfalls leicht ersichtlich: diejenigen potentiellen Studierenden, die schon bisher erschwerte Voraussetzungen hatten, die Selektionshürden des deutschen Bildungssystems erfolgreich zu bewältigen. Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass seit der Einführung allgemeiner Studiengebühren in Bayern zum Sommersemester 2007 noch einmal 1000 Euro mehr pro Studienjahr aufzutreiben sind.
Das Märchen von der höheren Mobilität dank ECTS
Ein zentraler Bestandteil des Bachelors ist die bereits erwähnte Einführung des ECTS. Begründet wurde diese damit, dass so eine höhere Mobilität von Studierenden ermöglicht werde, stellen Credit Points doch so etwas wie eine Bildungswährung dar. Faktisch ist es jedoch zumindest heute noch so, dass die Studiengänge verschiedener Unis innerhalb und außerhalb Deutschlands trotz Umstellung auf Credit Points so unterschiedlich sind, dass Leistungen kaum angerechnet werden. Musste früher bei Hochschulwechsel der Nachweis erbracht werden, dass die in den Scheinen bestätigte Studienleistung mit den Anforderungen der neuen Hochschule vergleichbar ist, so hat sich dieses Problem mit der Modularisierung häufig verschärft. Zwar gilt entsprechend einer Empfehlung der Kultusministerkonferenz auch an anderen Hochschulen in der Regel die Umrechnung: 1 CP entspricht 30 Stunden Workload, die Module sind jedoch von Uni zu Uni kaum vergleichbar und die in einem Modul jeweils geforderte Anzahl an Credit Points variiert.
Nochmal am Beispiel BA Erziehungswissenschaft: Der BA Erziehungswissenschaft in Augsburg schreibt zwei sozialwissenschaftliche Pflichtmodule vor. In Psychologie sind dabei 18 Leistungspunkte, in Soziologie und Politikwissenschaft 26 zu erbringen. Im BA Erziehungswissenschaft an der Uni Tübingen entsprechen diesen sozialwissenschaftlichen Pflichtmodulen die sogenannten Beifächer Psychologie und Soziologie, wobei in beiden Beifächern jeweils zwölf Credit Points zu erwerben sind. Wer also bspw. nach dem 4.Semester von Augsburg nach Tübingen wechseln will, wird u.U. feststellen, dass er zu viel Zeit mit diesen Nebenfächern verschwendet hat und ihm dafür in anderen Modulen Punkte fehlen, die nachgeholt werden müssen. Umgekehrt wird eine Studentin, die nach einigen Semestern von Tübingen nach Augsburg wechseln will feststellen, dass ihre im Beifach Soziologie erworbenen Credit Points bei weitem nicht ausreichen bzw. sie mit Politikwissenschaften hier ein zusätzliches Fach studieren muss.
Dass der Bachelor die Mobilität von Studierenden erleichtert, ist also eher ein schönes Propagandamärchen, was in letzter Zeit sogar von BefürworterInnen des Bologna-Prozesses eingestanden wurde.1 Dies wird in der Regel jedoch mit der noch unzureichenden Umsetzung der Reform betrachtet, also als ein Problem, das sich im Laufe der Zeit und mit ein bisschen gutem Willen in den Griff kriegen lässt. Gänzlich unbetrachtet bleibt dagegen aber häufig, welche qualitative Veränderung die Einführung des ECTS bedeutet.
Pädagogikseminar = ½ Bachelor-Arbeit = 6 CP = 180 Stunden
Dazu wiederum einige Beispiele aus dem BA Erziehungswissenschaft in Augsburg: Für den Besuch einer zweistündigen Vorlesung zur Einführung in die Psychologie mit abschließender 60minütiger Klausur gibt es 4 Leistungspunkte. Damit wird die Vorlesung einem zweistündigen Seminar zur vertiefenden Einführung in die Pädagogik der Kindheit und Jugend, das mit einer kleinen Hausarbeit abgeschlossen wird, gleichgesetzt. Für beides gibt es nämlich vier Punkte. Oder: Ein zweistündiges Seminar zu Grundformen pädagogischen Handelns mit abschließender Hausarbeit entspricht einer halben Bachelor-Arbeit, nämlich sechs Credit Points bzw. 180 Stunden Workload.
Dass in diesem Denken eine halbe Bachelor-Arbeit vorstellbar ist, offenbart den ganzen Unsinn der Vergleichbarkeit bzw. deren Grenze. Vergleichen lässt sich nämlich nur eine Abstraktion, der durchschnittlich geschätzte Workload (der notwendig relativ willkürlich festgelegt werden musste), nicht jedoch die Bachelor-Arbeit mit dem Seminar zu Grundformen pädagogischen Handelns, stellen beide doch ziemlich unterschiedliche Anforderungen und Tätigkeiten dar. Das eine ist eine selbständige wissenschaftliche Arbeit, für die Literatur recherchiert, ggfs. Interviews geführt und ausgewertete werden etc. Das andere besteht vor allem aus dem Zusammenkommen mit anderen Studierenden und einer Lehrperson, Rollenspielen und einer darauf reflektierenden Arbeit.
Mit den Credit Points werden also qualitativ völlig unterschiedliche Dinge gleichgesetzt. Damit liegt eine Analogie zum Geld nahe. Auch dieses verhält sich gleichgültig gegenüber dem Konkret-Sinnlichen: Ein Coffee to go im Pow Wow kostet 2,70 Euro und ein Bier im Lamm dasselbe. Dass beides nicht dasselbe ist, ist im Geld nicht mehr zu sehen und diesem auch egal. Genauso ist in den Credit Points nicht mehr ersichtlich, worauf sie beruhen. Workload ist Workload.
Nun stellte zweifellos auch das alte System der Scheine eine gewisse Vergleichbarkeit des Studiums sicher. Schließlich waren auch die alten Studiengänge darauf ausgerichtet, künftige (wissenschaftliche) Arbeitskräfte zu produzieren. Allerdings war das Ganze noch nicht derart durchkalkuliert. Vorgeschrieben war relativ allgemein, dass in einem bestimmten Bereich, beispielsweise in der sogenannten Bezugsdisziplin Soziologie, ein Proseminarschein zu erbringen war und dass dieser aus dem Bereich Sozialstruktur, Familiensoziologie, Bildungssoziologie oder Abweichendes Verhalten zu stammen hatte. Nun konnte man nach dem Prinzip des geringstmöglichen Aufwands verfahren und eine Standardhausarbeit zu einem der üblichen Themen abliefern, oder ein Interesse entwickeln, sich genauer mit einem Thema auseinander zu setzen und eine längere Arbeit zu schreiben, die entsprechend mehr Arbeits- und Zeitaufwand bedeutete. Dazu musste man nur klären, ob der/die DozentIn damit einverstanden ist. Da in vier Semestern Grund- bzw. Hauptstudium insgesamt nur neun bzw. acht Scheine zu erbringen waren, konnte man durchaus mal mehr Zeit für eine Arbeit verwenden. Mit dem im Bachelor vorausgesetztem Workload ist so etwas kaum mehr drin.
Der Vergleich mit den alten Scheinen und Geld zeigt, dass Vergleichbarkeit und Abstraktion keine neuen, nur dem Credit-Point-System eigenen Phänomene sind. Vielmehr gehören diese zur Grundstruktur kapitalistischer Vergesellschaftung. Allerdings macht die Gegenüberstellung von Scheinen und Leistungspunkten auch deutlich, dass die rationale Kalkulation im Hochschulbereich mit der Einführung des ECTS eine neue Qualität erfährt und unmittelbarer denn je zum Ideal an sich wird. Bot das alte System noch relativ große Spielräume für individuelle Entscheidungen, so sind diese im neuen auf ein Minimum zusammen geschrumpft. Dies lässt sich auch daran feststellen, dass mit der Umstellung auf den Bachelor das Angebot der Lehrveranstaltungen immer gleichförmiger wird: Jedes Wintersemester wird Einführung A, B und C für das erste Studiensemester, jedes Sommersemester Seminar D, E und F für das zweite Studiensemester angeboten und ist man dann im dritten Semester werden einem dieselben Sachen präsentiert, die der Vorjahrgang zur Auswahl hatte. "Exotische" Seminare, die stets nur einen kleinen Kreis angesprochen haben, finden sich deutlich seltener, da sie als in den Modulhandbüchern nicht vorgesehen interpretiert werden.2
Fazit
Nicht nur, dass das Leistungspunktesystem zumindest aktuell die doch so erwünschte Mobilität der Studierenden eher behindert als unterstützt. Die rationale Vergleichbarkeit, für die das ECTS stehen soll, entlarvt sich bei genauerer Betrachtung als Schein von Rationalität - zumindest soweit mit Rationalität noch etwas anderes gemeint sein soll als Kalkulation. Verglichen werden kann nur so etwas wie der durchschnittliche Workload, wobei von den Inhalten und Qualitäten abstrahiert werden muss. Das aber ist Rationalität ohne Vernunft - nun eben auch in einem neuen Maße an den Hochschulen.
1vgl. den Projektbericht der Hochschul Informations System GmbH vom April 2007 zu Internationaler Mobilität im Studium und vom Februar 2008 zu Mobilität und Mobilitätshindernissen in gestuften Studiengängen innerhalb Deutschlands
2Verantwortung hierfür tragen diejenigen, die mit der Auslegung der Modulhandbücher beschäftigt sind. Obwohl die Formulierungen der Modulhandbücher in der Regel sehr allgemein und vage sind, wird häufig aus deren bloßer Existenz geschlossen, dass Freiheiten bei der Themenfindung der Seminare nun endgültig der Vergangenheit angehören und gleichzeitig über das "Korsett Bachelor" geschimpft, statt auf die Idee zu kommen, dass die in den Modulen enthaltenen Formeln momentan noch ausgelegt werden müssen, jetzt also der Zeitpunkt wäre, an dem man sich durch entsprechend großzügige Auslegung auch im neuen System gewisse Handlungsspielräume erhalten könnte.
von as 0 Kommentare Rubriken: Bologna Prozess, Hochschulpolitik
Dienstag, 24. Februar 2009
Bachelor = Berufschule!!!
Psychogramm studentischer Geisteskapitulation-
Dieses Projekt der Gegenaufklärung stellt de facto das Ende der Universität dar. Die Autonomie des Geistes fällt der Evaluitis, dem Tabellenfetischismus und der industriellen Sammlung von credit points ohne größere Störgeräusche zum Opfer. Dass solche Unterwürfigkeit der zum Idol erhobenen angelsächsischen Wissenschaftskultur, mittlerweile durch führende Köpfe studentischer Boulevardpresse von jeglicher Kritik entbunden gesehen werden möchte, ist dafür nur bezeichnend.
Die Modularisierung unterliegt primär einer Absicht: Der Anpassung des tertiären Bildungsbereichs an den durch Wettbewerb geregelten (Bildungs)Markt. Der Geist wird an den Imperativ der Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit und Verwertbarkeit gekettet. Bildung soll den Akkumulationsbedürfnissen entsprechend kapitalisierbar werden.
„Menschen, die durch ein derart geregeltes Studium hindurchgegangen sind, ganz auf Mittel ausgerichtet werden, müssen fast stets positivistisch-pragmatische Gesinnung, wenn nicht geradezu Feindschaft gegen das Denken entwickeln und sich mit dem, was ihnen durch die Verdinglichung des Geistes angetan wird, auch noch identifizieren.“
(Horkheimer: Fragen des Hochschulunterrichts, S.405 f.)
Für diese fundamentalen Veränderungen, die den Menschen zu einem Fabrikstück machen, tragen die Studenten keine Verantwortung. Problematisch wird es allerdings, wenn sie diesen Strukturwandel nicht feststellen, ja eben sogar leugnen und aktiv mit beschleunigen.
Bei Herrn Hahn ist die Rede von Aufregung und Degradierung, persönlicher Betroffenheit, teilweiser Veräppelung seiner selbst und Unwissenheit der Urheber im Zusammenhang mit einem Transparent, das eben diese hochschulpolitische Entwicklung zu benennen sucht.
Was sind die Ursachen dieser narzisstischen Kränkungen und egozentrischen Reduktionen?
Zum einen ist es sicherlich die Projektion der latent bewussten begrifflichen Impotenz, als Reaktion auf die ganz archaische Existenzangst des Menschen: Es gibt keine andere Wahl - Im Namen der Freiheit wird die Unmöglichkeit der Freiheit verkündet.
Das ewige Diktum von der dringenden Notwendigkeit der Veränderung ist ein Wesensmerkmal des entfesselten Kapitalismus.
Diese von Sinn gelöste Nebeldebatte auf dem Privat-Blog von Herrn Hahn, um die Intention der Unterstellung beim Gegenüber steht exemplarisch für die totale Aufgabe studentischer Kritik an bildungspolitischen Entwicklungen. Dabei ist gerade die mit Lust affirmativ vorgetragene Argumentationslosigkeit die aus einer bloßen Ohnmacht gegenüber jenen oben genannten Veränderungen resultiert das Erschreckende.
Die psychische Struktur des neoliberalen homo oeconomicus ist psychisch paranoid: Weil er die gesellschaftlichen Verhältnisse als undurchschaubar erfährt, als mythologisch-entfremdete Mächte, glaubt er sich überall bedroht, überall betrogen. Kann er die Verhältnisse nicht durchschauen, entzieht sich die Möglichkeit ihrer vernünftigen Veränderung, so bleibt nichts als Anpassung an das Unausweichliche. (vgl. Stapelfeldt, Gerhard: Geist und Geld, S.149)
Denn „der Glaube an die Unausweichlichkeiten unserer Zeit gehört womöglich zu jenen Illusionen, die notwendig sind, damit das Unausweichliche erst wirklich unausweichlich wird.“ (Liessmann, Konrad Paul: Theorie der Unbildung, S.175)
„Dieser Geist, der sich so den Verhältnissen ausgeliefert wähnt, ist auf den Konformismus verpflichtet, der Stachel der Kritik und der Opposition ist ihm nicht bloß fern - er bekämpft ihn geradezu in sich und anderen. Darum ist er auch masochistisch.“ (vgl. Adorno: GS 8, 115)
Zum anderen ist es die FDP-Floskel, die das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär pervertiert; Herr Hahn schreibt sinngemäß: „Ich habe es geschafft und ich hatte genügend Zeit, also muss das bei allen anderen auch so funktionieren, ansonsten sind sie nicht geeignet, in jedem Fall nicht Kritik berechtigt.“ Das ist die vermeintlich moderne Interpretation des Homo-Mensura-Satz des antiken Sophisten Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind und der Nichtseienden, dass sie nicht sind.“ Nur leider verkennt die moderne Version, nebst der Problematik der Relativierung, dass das Maß an allen Menschen und nicht nur an einem einzigen angelegt werden sollte!
Es gäbe doch realiter wichtigere Gegenstände studentischen Kopfengagements, als die Spekulation nach den Verantwortlichen im Sinne des Presserechts, wozu es jedoch eines tieferen Vordringens in die Zusammenhänge der Wirklichkeit bedarf, als nur jener oberflächlich fragmentarischen Belanglosigkeiten im Stile einer Präsentation der eigenen Vorbehalte, wie von gewissen Kommilitonen vorgeführt - sie ist zur ernsthaften Aus-einander-setzung nicht fähig und arrangiert sich mit ihrer Unwissenheit.
Wissen ist überhaupt eine Form der Durchdringung der Welt: erkennen, verstehen, begreifen. Aufklärung über Unbewusstes, Überwindung der inneren Entfremdung, Interpretation von Daten im Hinblick auf ihren kausalen Zusammenhang und ihre innere Konsistenz. Zur Bildung wird dieses Wissen erst, wenn es die erkannten Werte im Sinne einer selbst-ständigen Kompetenz in ein existenziell relevantes System zu verorten vermag.
Die derzeitige Entwicklung im Zeitalter der so genannten >Wissensgesellschaft< sieht leider ganz anders aus: „Wissen, Intelligenz und Bildung werden phantasiert als Denken in den Kategorien, “richtig“ und “falsch“, als schnelle Produktion kurzer Antworten im Multiple Choice-Verfahren, als Personen-, Zeit- und Kultur- unabhängige Fähigkeit, als mess- und vergleichbare Produkte. Der Gedanke an alles Individuelle, Nichtidentische, Unsagbare, Uneindeutige, Interpretierbare, Dialogische kommt gar nicht erst vor.“ (Stapelfeldt, S. 157)
Gerade das, so muss man leider unterstellen, wenn die getätigten Äußerungen auf benanntem Blog ernst genommen werden sollen, wird mit diesen erreicht. Es bleibt bei redundanten Meinungsmitteilungen, Oberflächensemantik, naiven Vermutungen und haltlosen Unterstellungen, die jedoch und diese Feststellung ist das verwunderlich erschreckende, in vollem, den Autoren zur Verfügung stehenden sprachlichen Umfang verteidigt werden, als gelte es einen Preis zu gewinnen; leider ohne jedweden ästhetischen Anklang, oder ironischen Esprit, so dass man zumindest einmal hätte lachen können!
„In keiner geschichtlichen Periode jedoch (...) hing so viel von der Initiative, vom leidenschaftlichen Willen der Jugend zur Wahrheit, von ihrer unbeirrbaren Liebe zur Humanität ab, wie heute von den jungen Frauen und Männern die den Vorzug haben, zur Universität zu kommen und später einmal dazu helfen sollen, dass der geistige Mensch nicht von der Erde verschwindet.“ (Horkheimer: Akademische Freiheit, S.432)
Verzeihen Sie Herr Horkheimer!
von bombay beats 10 Kommentare Rubriken: Bologna Prozess, Contra, Hochschulpolitik, Presstige, Über den Tellerrand
Dienstag, 27. Januar 2009
Erfolgreiche Demo in Freiburg durch Polizeirepression gestoert // Zweitausend Menschen demonstrieren fuer Meinungsfreiheit und freie Bildung
GEMEINSAME PRESSEMITTEILUNG des Buendnisses fuer Politik- und Meinungsfreiheit (bpm) und des Aktionsbuendnisses gegen Studiengebuehren(ABS)
Freiburg, 26. Januar 2009
Am heutigen Montag demonstrierten etwa 2.000 Menschen fuer freie Bildung und Verfasste Studierendenschaften in Freiburg unter dem Motto "Von der KiTa bis zur Uni: Bildungsblockaden einreissen!".
Heute vor vier Jahren strich das Bundesverfassungsgericht das Verbot von allgemeinen Studiengebuehren aus dem Hochschulrahmengesetz und erklaerte die von den Laenderregierungen auferlegten Beschraenkungen des Rechtes auf freie Meinungsaeusserung von Studierendenschaften fuer zulaessig.
"Mit dieser Demonstration wurde klar gemacht, dass Bildungsgebuehren abschaffbar sind: nicht nur in Freiburg, sondern ueberall, erklaert Malte Clausen, ein Geschaeftsfuehrer des Aktionsbuendnisses gegen Studiengebuehren (ABS), und ergaenzt: "Die aktuelle Situation im Nachbarland Hessen zeigt, dass dann, wenn der Protest stark genug ist, sogar eine buergerliche Regierung sich nicht mehr traut, Studiengebuehren einzufuehren!"
Trotzdem, oder auch gerade weil, es zu einer spontanen Routenabweichung und der zeitweiligen Blockade einer grossen Kreuzung kam und dadurch die Versammlung aufgeloest wurde, war die Demonstration ein voller Erfolg. Massiv kritisiert wird dabei aber vom ABS und bpm das aggressive und gewalttaetige Auftreten der Polizei, die friedlich demonstrierende Menschen als Straftaeter_innen darstellte, aeusserst brutal vorging und willkuerlich insgesamt 6 Personen festnahm.
Auch abgefilmt und fotografiert wurde von Seiten der Polizei einen Grund gab es nicht. "Das neue Versammlungsgesetz ist noch nicht in Kraft und doch geht die Polizei bereits aeusserst repressiv danach vor. Ueberwachungsaufnahmen und das Verantwortlichmachen der Versammlungsleitung fuer das Verhalten von Demonstrierenden sind fehl am Platz und schraenken in hoechstem Masse Grundrechte ein", so Johanna Voelker, eine Geschaeftsfuehrerin des Buendnisses fuer Politik- und Meinungsfreiheit.
An allen Freiburger Hochschulen kaempfen Studierende seit Herbst 2008 im Rahmen der gebuehrenFRei-Kampagne wieder verstaerkt fuer eine gebuehrenfreie Bildung. Sowohl an der Katholischen Fachhochschule als auch an der Paedagogischen Hochschule und der Freiburger Universitaet wird momentan die Zahlung der Studiengebuehren von der Studierenden boykottiert. An der Evangelischen Fachhochschule kam es zu einer Flut von Haertefallantraegen.
Informationen und Kontakt zur Freiburger gebuehrenFRei-Kampagne:
www.gebuehrenfreiburg.de
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Montag, 19. Januar 2009
Party Flyer Vorschlag
von bombay beats 0 Kommentare Rubriken: Contra, Hochschulpolitik, Studiengebühren, Über den Tellerrand
Mittwoch, 14. Januar 2009
Studierenden-Wettbewerb des Bundesministeriums des Innern 2009
WAS IST DAS? WAS WIRD DAMIT GEMACHT? WO KOMMT DAS HER?
Teilnahmebedingungen:
• Studierende aller Fachrichtungen, die zum Zeitpunkt der Einsendung an einer deutschen Hochschule immatrikuliert sind, können sich an dem Wettbewerb beteiligen.
• Die Wettbewerbsbeiträge (nur ein Beitrag je Studierenden bzw. Gruppe) müssen in deutscher Sprache eingereicht werden.
• Die Beiträge müssen zusammen mit einer Kopie des Immatrikulationsbescheides und einem kurzen tabellarischen Lebenslauf eingereicht werden.
• Gruppenarbeiten sind nur bis zu fünf Teilnehmenden zugelassen, wobei auch bei einer wissenschaftlichen Unterstützung durch Dozentinnen und Dozenten oder Professorinnen und Professoren die alleinige Autorenschaft der Studierenden klar erkennbar sein muss. Das Copyright verbleibt bei den Teilnehmenden.
Annahmebedingungen:
• Kategorie Essay/Reportage:
Ein Essay oder eine Reportage im Stil eines Zeitungsartikels muss in schriftlicher sowie elektrischer Form im DOC- oder PDF-Format eingereicht werden. Die Datei kann per E-Mail an GII5@bmi.bund.de oder per CD-Rom eingesandt werden.
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