Montag, 8. September 2008

Bürokratische Bedenken und politischer Unwille

Wie aus einem Beschluss der studentischen Vollversammlung erst das "Ungetüm Urabstimmung" werden konnte und der Konvent schließlich "Demokratie" neu definierte


Lena Jakat stellte als Vorsitzende des damaligen Konvents in der letzten Ausgabe der AStA-Zeitung "Universum" auf anschauliche Weise dar, dass der Großteil der gewählten StudierendenvertreterInnen sich lieber mit verfahrenstechnischen Fragen befasst, als politisch Stellung zu beziehen. Insofern lässt sich die Entscheidung des neuen Konvents, das "studentische Votum" komplett zu canceln nur als konsequent bezeichnen.


Die Vorgeschichte

Auf der studentischen Vollversammlung im Winter 2007 hatte das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren "Contra" einen Antrag auf Durchführung einer studentischen Urabstimmung gestellt, der von der beschlussfähigen Versammlung mit überwältigender Mehrheit verabschiedet worden war. Demnach sollten den Studierenden zwei Fragen zur Abstimmung vorgelegt werden: Gefragt werden sollte jeweils, ob sie der Forderung zustimmend bzw. ablehnend gegenüberstehen, a) die Universitätsleitung solle gemäß ihres Handlungsspielraums die Studienbeiträge an der Uni Augsburg auf 300 Euro senken und b) die Universitätsleitung solle sich bei der Bayerischen Staatsregierung für die Abschaffung von Studienbeiträgen und eine bedarfs- und nachfragegerechte Hochschulfinanzierung einsetzen. Damit hätten Studierende die Möglichkeit, sich generell wie bedingt gegen Studienbeiträge auszusprechen.


Wie aus einem Antrag ein "Ungetüm" wurde
Schon während der Vollversammlung hatte Margret Angerer, ehemalige AStA-Vorsitzende und Mitglied des studentischen Ältestenrates, formale Bedenken geäußert, die im Folgenden den Umgang der studentischen Gremien mit dem Thema Urabstimmung dominieren sollten. Was die studentischen VertreterInnen nun beschäftigte war, dass die Satzung der Studierendenschaft zwar die Institution der Urabstimmung kennt, über Durchführung und Finanzierung aber keine Aussagen trifft. Statt sich angesichts dieser Tatsache Gedanken darüber zu machen, wie Studierende sich eine Satzung geben konnten, die zwar basisdemokratische Maßnahmen kennt, diese aber offensichtlich nicht ernsthaft in die Tat umsetzen will oder darüber, wie kreative Lösungswege für diese in Augsburg ungewohnte Form politischer Beteiligung aussehen könnten, stürzte sich der Konvent - in den Worten von Lena Jakat - in "tiefe Verzweiflung" ob verfahrenstechnischer Fragen. Laut Universumsartikel "waren es vor allem die ungeklärten Formalien, die eine Entscheidung immer wieder aufschoben. Denn niemand wollte schnell irgendetwas beschließen und dann die glühenden Kohlen einfach dem Ältestenrat hinterher werfen."
Wie der Verlauf der Konventsitzungen zeigte, ist das jedoch nur die halbe Wahrheit. Zwar wurde während den Treffen immer wieder auf formale Ungeklärtheiten verwiesen, eine Satzung hatte aber keineR der gewählten VertreterInnen dabei, weshalb stets auf die eines Mitglieds des Aktionsbündnisses Contra zurückgegriffen werden musste. Angesichts dessen stellt sich die Frage, inwiefern dem Konvent tatsächlich an einer Umsetzung des Beschlusses der Vollversammlung gelegen ist und ob bürokratische Hindernisse nicht eher als Vorwand genommen werden, um eine politische Angelegenheit und Beteiligungsform, die nicht in die eigenen Vorstellung von repräsentativer InteressenVERTRETUNG passt, auszubremsen. Den "riesigen Bürokratie- und Gremiumsaufwand" angesichts einer angeblich "noch nie dagewesenen Abstimmung", den Lena Jakat im Universumsartikel erwähnt, haben sich die studentischen VertreterInnen selbst konstruiert.
Ein Blick in das akademische Jahrbuch von 1991 zeigt, dass es auch ganz anders gegangen wäre. Dort berichtet die damalige Studierendenvertretung:
"Am 16.1.91 verabschiedete eine studentische Vollversammlung einen Forderungskatalog, der u.a. die Erhöhung des Bildungsetats, Stellenforderungen, bessere Mitbestimmungsmöglichkeiten für Studierende und Zurücknahme des Maßnahmenkatalogs beinhaltete. Die Vollversammlung empfahl angesichts der Notwendigkeit, Maßnahmen zur Durchsetzung der Forderung zu ergreifen, dem StudentInnenparlament, eine Urabstimmung für einen unbefristeten Streik zu beschließen. Am 17.1.91 beschloß das StuPa die Urabstimmung vom 23.-25.1.91 durchzuführen. 3050 StudentInnen (23,9%) beteiligten sich an dieser Abstimmung, bei der letztlich 53% für einen unbefristeten Streik stimmten, der am 28.1.91 begonnen wurde."
Offensichtlich war es damals möglich, innerhalb von weniger als zwei Wochen den Beschluss einer studentischen Vollversammlung zur Einleitung einer Urabstimmung in die Tat umzusetzen.


Das "studentische Votum" und seine Absage durch den neuen Konvent
Worauf sich die studentischen VertreterInnen nach monatelangen bürokratischen Auseinandersetzungen einigen konnten, war ein sogenanntes "studentisches Votum", das zu Beginn des neuen Semesters realisiert werden sollte. Da sie selbst zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr im Amt sein würden, wollte der alte Konvent die endgültige Entscheidung dem teilweise neu zusammen gesetztem Konvent der neuen Legislaturperiode überlassen. Dieser entschied still und heimlich in den Semesterferien, das studentische Votum platzen zu lassen und setzte sich damit einfach über den Beschluss der studentischen Vollversammlung hinweg. Von Seiten des Konvents wurde es nicht einmal für nötig befunden, das Aktionsbündnis "Contra" über diese Entscheidung zu informieren, weshalb Contra noch im September auf diversen Treffen besprach, wie die Urabstimmung bzw. das studentische Votum in der Studierendenschaft bekannt gemacht werden könne.


Eine "Sternstunde" studentischer Demokratie
Selbstverständlich wäre es naiv gewesen zu glauben, dass durch ein eindeutiges Votum gegen Studiengebühren diese hätten aus der Welt geschafft werden können. Die Ablehnung der erweiterten Universitätsleitung (EULE) im Januar 2008, die Studiengebühren wie im Rahmen der der Universität zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auf 300 Euro zu senken, hat deutlich gemacht, dass dies auf Grund der undemokratischen Verfasstheit der Universität nicht möglich ist. Damals wurde der Antrag des einzigen studentischen Vertreters auf Senkung der Beiträge mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.
Was mit dem studentischen Votum jedoch möglich gewesen wäre, ist ein klares Signal gegen Studiengebühren zu setzen und die Mitglieder der Universitätsleitung zu zwingen, eindeutig Position zu beziehen: Hätten sie - den ausdrücklichen Willen der Studierendenschaft missachtend - weiter an der Höhe der Beiträge festgehalten oder diese in einem ersten Schritt gesenkt und sich gegenüber der Landesregierung ernsthaft für deren Abschaffung eingesetzt?
Dank der Entscheidung des neuen Konvents, ist eine derartige Zuspitzung des politischen Konflikts jedoch nicht möglich. Obwohl nur ein nachgeordnetes beschlussfassendes Organ und damit laut Satzung der Studierendenschaft an Entscheidungen der Vollversammlung gebunden, setzte sich dieser über den Beschluss der Vollversammlung vom letzten Wintersemester hinweg und gab damit ein hervorragendes Beispiel dafür, dass nicht nur die Uni insgesamt undemokratisch verfasst ist, sondern auch einige StudierendenvertreterInnen ein höchst merkwürdiges Demokratieverständnis aufweisen. Wie das wiederum mit der Tatsache in Zusammenhang steht, dass überdurchschnittlich viele der gewählten VertreterInnen Politikwissenschaften studieren, möge der und die geneigte LeserIn selbst entscheiden.


Contra - Aktionsbündnis für freie Bildung

Dienstag, 19. August 2008

Man isst deutsch. Thesen zur Nationalisierung des Essens.

Dass die jeweilige Esskultur eines Landes schon seit langem ihren Beitrag zur nationalen Identitätsstiftung nicht nach kommen kann und somit innerhalb der identitätsstiftenden Faktoren ins Hintertreffen geraten ist, steht nicht im Widerspruch, sondern erklärt vielmehr die Revitalisierung nationaler Deutungen der hiesigen Esskulturen. Der Wandel vollzog sich durch den Austausch des Bezugsobjekts, gegen das die eigenen Produkte in Stellung gebracht werden. Galt es in früheren Tagen die Einzigartigkeit und damit das spezifisch nationale, also deutsche, herauszustreichen, um sich von allem anderen zu distinguieren, so geht es heut zutage darum, den Unterschied zu den USA auszumachen, deren exponierte Funktion in der Welt der Kapitalakkumulation zwischen den Staaten, eine Rückkopplung aller Erscheinungen des Kapitalismus auf ihre Politik zufolge hat.

In der Logik dieses antiamerikanischen Ressentiments, sind die USA für den Bedeutungsverlust nationaler Esskulturen direkt verantwortlich zumachen, da es im Interesse der USA sein muss, andere Kulturen zu zerstören, um ihre Unkultur universalisieren zu können und somit anstelle der einstigen Kulturen zu treten, um den größtmöglichsten Kapitalertrag abschöpfen zu können.

Wie weitverbreitet und kommerzialisierbar dieses Deutungsmuster ist, führt die gegenwärtige Werbekampagne des Getränkeherstellers Bionade Gmbh vor Augen, die ihr Erfrischungsgetränk Bionade als deutsches Natur und Kulturprodukt gegen minderwertige und unnatürliche US- Produkte, im speziellen Coca Cola, in Stellung bringt. Ihre Werbeslogans weisen dabei frappierende Ähnlichkeiten zu jenen Parolen auf, die von den exponiertesten Vertretern des Antiamerikanismus formuliert wurden sind. Heißt es in einem Slogan Holunder statt Blackberry(1), so lässt sich bei der neonazistischen NPD die Losung finden Deutscher Wein, statt Ami-Fusel.(2) Die Annahme wonach die unterschiedlichen Slogans auf den Werbetafeln, insgesamt 26 an der Zahl, auf bereits internalisierte Ressentiments zugeschnitten sind, wird durch die Tatsache belegt, dass die Auswahl der Plakate von dem jeweiligen Umfeld, in dem sie zuschau gestellt werden sollen, abhängig gemacht wurden ist.(3) In Berlin-Kreuzberg erhofften sich die Initiatoren besonderen Zuspruch durch den Slogan Von führenden US-Getränkeherstellern nicht empfohlen(4). Diese Antizipation verwundert keines Wegs, wenn mensch sich in Erinnerung ruft, dass die erste McDonalds Filiale in Kreuzberg letztes Jahr nur unter Polizeischutz eröffnet werden konnte.

Die Kampagne der Bionade Gmbh ist der konkrete Ausdruck eines gewandelten Bedürfnisses der Konsumenten in Deutschland, nur so ist es zu erklären, das professionelle Werbestrategen zu der Meinung gelangen können, dass sich durch die Kolportage antiamerikanischer Ressentiments, die Produkte ihrer Kunden besser absetzen lassen können.

Die relevanten Kriterien für Nahrungsmittel, die in der Trias, fair gehandelt, biologisch und regional gebündelt sind,(5) scheinen sich in dem konkreten Produkt Bionade zu verneinen. Abstrakt betrachtet, bilden sie aber den Gegensatz zu den Attributen, die den US Produkten zu geschrieben werden: Raubtierkapitalistisch, synthetisch und global. Der Run auf Produkte mit Bio- Siegel ist somit nicht nur Ausdruck des gestiegenen Bedürfnisses nach gesunderer Ernährung, sondern auch darauf, der kapitalistischen Globalisierung, also den USA, ein Schnippchen zu schlagen. Diese vermeintliche antikapitalistische Implikation wurde auch von den Werbestrategen erkannt und entsprechend in die Bionade Kampagne eingebaut. Der subversive Gestus der Bionade drückt sich in Sprüchen wie, Jede Revolution beginnt mit einem leichten Prickeln(6) oder durch eine Reminiszenz an die Generation 68 aus.(7)

Marx Einschätzung wonach dem Kapitalismus in Deutschland durch die Verbreitung antikapitalistischer Phrasen zum Erfolg gereicht wird, scheint sich dieser Tage wieder einmal zu bestätigen.

Dienstag, 1. Juli 2008

W. Kraushaar über die 68'er

Am Di, 1. Juli, 19 Uhr spricht Wolfgang Kraushaar in Hörsaal IV über
"achtundsechzig". Er ist Politologe in Hamburg und beschäftigt sich vor
allem mit Protest und Widerstand in der Geschichte der BRD. Veranstalter
ist die "Freie Universität Augsburg"

Dienstag, 24. Juni 2008

Demo Rede

Liebe Mitdemonstrantinnen und Mitdemonstranten,

ich heiße Euch im Namen von Contra, dem „Aktionsbündnis für freie Bildung“ herzlich Willkommen!

Wir haben uns heute hier versammelt, um gegen „Bildungswahnsinn“ zu demonstrieren, da wir unseren Unmut jeglicher Art artikulieren wollen, an der gegenwärtigen institutionalisierten Form, der Ausgestaltung und der herrschenden allgemeinen Vorstellung von Bildung.

1.) Was wir nicht vorhaben

Wir wollen deshalb – ausnahmsweise –

keine Statistiken über den enorm niedrigen Anteil der Bildungsausgaben am BIP im europäischen Ländervergleich zitieren,

keine Herstellung von frappierenden Relationen zwischen Bildungs- und Rüstungsausgaben,

keine erschreckend niedrigen Zahlenwerte über Studienneuanfänger beschwören,

keine Einzelschicksale von ausländischen und inländischen Mitstudenten bejammern, die kein Studium mehr beginnen konnten oder abbrechen mussten,

keine schematisch-vereinfachenden Erklärungen von perversen Abkommen der Welthandelsorganisation geben, die den Bologna-Prozess vertraglich absichern,

wir wollen nicht Lamentieren über die aus dem Boden wie Pilze schießenden und wuchernden Nachhilfeinstitute, die seit dem G8 Zulauf in Strömen erhalten.

Die Erläuterungen und Vereinnahmung solcher Sachverhalte überlassen wir allein lieber den Politikern, die genug Exempla davon in ihrem Repertoire haben und in weiteren Wahlkampfreden sicherlich geschickt daran anzuknüpfen wissen werden.

Stattdessen wollen wir, vom „Aktionsbündnis für freie Bildung“ heute und hier lieber einige Reflexionen zum Begriff der Bildung beisteuern, die auf die ungestüm grassierende „Halbbildung“ hinweisen und sie zu erkennen helfen wollen:

Wer sagt, „für Deutschland als Land ohne größere Rohstoffe und Bodenschätze ist der Geist die wichtigste Ressource im internationalen, volkswirtschaftlichen Kampf, und deshalb können wir uns ein schlechtes Bildungssystem nicht leisten“, wer derartiges sagt, der perpetuiert die dümmliche Auffassung, dass Bildung eine Ware oder Ressource wäre, ja er reduziert sie damit unbemerkt doch radikal auf ihren ökonomischen Wert. Das ist keine Bildung, das ist peinliche Schmach und Verleugnung jeglicher Bildung!

Argumente für Bildung, die sich falscher Weise nur allzu oft auf die waltende und totalitären ökonomischen Verflechtungen beziehen und einlassen, sind gefährlich und töricht!

Wir wollen uns hier aber auch nicht über politische Farbenlehre unterhalten, wobei einem auf einfältige Art und Weise nahe gelegt werden könnte, wo man sein Kreuzchen zu machen hätte, und um die Selbstbestimmung am besten mit der Wahlurne gleich mit zu begraben. Politisches Bewusstsein darf sich nicht darin erschöpfen, Kreuzchen zu machen, gefolgt von dem Gefühl der Selbstbestätigung, ein mündiger Demokrat zu sein, der seine Bürgerpflichten und -rechte kennt und wahrnimmt. Vielmehr bedarf es eines Ausbaus an Partizipationsmöglichkeiten und der flächendeckenden Gründung alternativer Strukturen! Herzliche Einladung hierbei zur freien Universität, vom 7. – 11. Juli an der Universität Augsburg mit freien Veranstaltungen und kritischen Auseinandersetzungen.

2.) Halbbildung und Bildung – Gedanken von Theodor W. Adorno

Einer der letzten kritischen Philosophen der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, erstellte in den 60er Jahren einige höchst treffende Analysen und Bemerkungen zu Bildung und Halbbildung, von denen ich im Nachfolgenden einige zur Sprache bringen möchte und die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Seine Thesen, die angesichts unveränderter gesellschaftlich herrschender Rahmenbedingungen nichts an Wahrheit eingebüßt haben, sondern eher angesichts der krasser gewordenen Verfallsformen von Bildung zu Halbbildung vielmehr noch dazu gewonnen haben:

„Was heute als Bildungskrise [oder „Bildungswahnsinn“] offenbar wird, ist weder bloß Gegenstand der pädagogischen Fachdisziplin, die unmittelbar sich damit zu befassen hat, noch (…) [ist sie von der Bildungssoziologie] zu bewältigen. (…) Isolierte pädagogische Reformen allein, wie unumgänglich auch immer, helfen nicht. Zuweilen mögen sie, im Nachlassen des geistigen Anspruchs an die zu Erziehenden, auch in argloser Unbekümmertheit gegenüber der Macht der außerpädagogischen Realität über jene, eher die Krise verstärken.“

Umso dramatischer jedoch ist der von der Öffentlichkeit kaum bemerkte oder nachvollzogene Wandel an den Hochschulen, wie Universitäten zu Kaderschmieden der Industrie geworden sind und die Idee der Bildung damit aufs unsäglichste verhöhnt wird: So wurde die TU München z.B. – geregelt durch ominöse Forschungsabkommen – zum ausgelagerten Entwicklungslabor von BMW und anderen Konzernen, bei entsprechend finanzieller Entlohnung für die Universitäten.

Doch die feindliche Übernahme der Bildung durch die Ökonomie macht sich auch in Augsburg mit Schrecken bemerkbar: Mit dem neuen Hochschulrahmengeset wurde den Universitäten weitgehende Entscheidungskompetenz über eigene Belange entzogen. So besitzen nun im Hochschulrat erstmals Externe und Vertreter der Privat-Wirtschaft, darunter z.B. der Direktor der Augsburg Daimler AG u der Vorsitzende der Verlagsgruppe Weltbild, die Mehrheit in diesem Gremium, das über die Einrichtung und Schließung von Studiengängen und über die Festlegung von Forschungsschwerpunkten und Zielvereinbarungen einzelner Fakultäten entscheidet! Damit hat also nun auch die Universität ihren Aufsichtsrat, der genauso wenig wie die Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen für Fehlentscheidungen gerade stehen müssen. Das Risiko und die Konsequenzen dieser Entscheidungen tragen allein Studenten und Nachwuchswissenschaftler, die mit nur einer einzigen Stimme in diesem Gremium gänzlich unterrepräsentiert sind.

Hochschulautonomie, soviel steht fest, wird neuerdings etwas anders buchstabiert!

Damit dürfte klar sein, dass freie Bildung und freie Wissenschaft weit mehr als eine kostenlose Ausbildung sind, wobei zur Verschleierung kontinuierlich Bildung mit Ausbildung verwechselt wird!

Hochschulautonomie, soviel steht fest, wird neuerdings etwas anders buchstabiert!

Damit dürfte klar sein, dass freie Bildung und freie Wissenschaft weit mehr als eine kostenlose Ausbildung sind, wobei zur Verschleierung kontinuierlich Bildung mit Ausbildung verwechselt wird!

Zur Selbsterhaltung wird die bloße Anpassung an das Diktat der Halbbildung zur Überlebensstrategie: das Auswendiglernen von Wissensmaterialien, Zahlen und Fakten, die nicht mehr in Zusammenhang mit der Persönlichkeit der Lernenden, und aus zeit- oder kostenökonomischen Gründen nicht mehr radikal befragt, durchdrungen werden und nicht mehr selbst erfahrbar sind, sind die gravierendsten Verfallsformen davon. Doch Bildung lässt sich überhaupt nicht erwerben wie ein Ding oder ein Gegenstand, den man von einer Person auf eine andere, vom Lehrer auf den Schüler, leichtfertig übertragen kann, den man an sich reißen oder besitzen könnte, entgegen den leeren Versprechungen unserer Zeit.

In dem Prozess der Anpassung an die konforme Gesellschaft zur Selbsterhaltung geht jedoch das Selbst verloren: Das Subjekt muss seine ganzen körperlichen oder psychisch-geistigen Potentiale auf dem Arbeitsmarkt verkaufen, um einen mehr oder weniger ausreichenden Lebensunterhalt zu verdienen. Sämtliche ihm innewohnenden persönlichen Fähigkeiten, Begabungen, sogar psychische Attribute wie Teamfähigkeit, Ausdauer oder Konzentration, sprich: die Totalität seiner Persönlichkeit, muss der Arbeiter veräußerlichen, auf dem Arbeitsmarkt, in den verkaufbaren Gegenstand seiner Arbeitskraft. Dadurch wird er sich selbst fremd. Was zurückbleibt ist im Extremfall nur noch eine leere, gespenstische Hülle einer Person, die oftmals von Depressionen, Niedergeschlagenheit und Sinnlosigkeit heimgesucht wird – oder die inneren Fragen werden im Konsum verdrängt: Die Frage, was denn der Sinn an der ganzen sinnlosen höher Qualifizierung, den sinnlosen Fortbildungen, am neuen Konzept des sinnlosen „lebenslangen Lernens“ sei, nur um vorübergehend einen sinnlosen Abnehmer für die eigene entäußerte Arbeitskraft zu finden?

Solche Bildung, die sich ausschließlich der zweckhaften Qualifikation für den Arbeitsmarkt und der Reproduktion der herrschenden Wirtschaftsstruktur verschreibt, solche Bildung, die die zu Bildenden und die zu Erziehenden der Maxime der Anpassung und der Konformität an die Gesellschaft überantwortet, verdient nicht den Namen Bildung, sie ist der Feind der Bildung; ihre Fratze sehen wir in verkürzten und dicht gedrängten Studiengängen, in denen ein selbstorganisiertes und damit freies Studium unterbunden und noch stärker äußeren Zwecken unterworfen wird, wir erblicken sie in der gewollt größer werdenden Konkurrenz um begrenzte Masterstudienplätze und in verkürzten und dicht gedrängten Schulzeiten, kurz: im Anrennen der Wirtschaft gegen das Subjekt auf immer neuen, überraschenderen Wegen und mit neuer Intensität.

Wird Bildung zum Fetisch, d. h. zum Ersatzobjekt, an dem man die eigene Fremdheit aufheben will und zu einem Größeren und Umfassenderen gehören will, dem all das zugeschrieben wird, was einem selbst fehlt und woran man selbst krankt. Solche Verfallsformen kennt man aus dem Alltag zur Genüge, der Halbgebildete rühmt sich typischerweise seines schlechten Gedächtnisses, und ist stolz auf seine Vielbeschäftigtheit und Überlastung. Halbbildung wird dort offenbar, wo Menschen „keinen eigenen Satz mehr hervorbringen können, sondern reflexhaft plappern, was jede Situation von ihnen erwartet, um möglichst günstig abzuschneiden“.

Bei alledem handelt es sich dabei jedoch nicht um vorrangig individuelle als vielmehr um kollektive, weil soziale Verfallsprozesse, deren Wurzel wohl in den gesellschaftlichen Verhältnissen an sich begraben liegt.

Wenn man ein musikalisches Werk nur halbgut aufführt, so wird sein künstlerischer Gehalt damit keineswegs zur Hälfte realisiert, sondern eine jegliche musikalische Aufführung außer der voll adäquaten ist unsinnig, und „so steht es wohl um geistige Erfahrung insgesamt. Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung sondern ihr Todfeind“.

Hat denn wirkliche Bildung noch eine Chance des Überlebens, da ihr die Gesellschaft einmal die Basis unter den Füßen weggezogen hat?

„Bildung galt [früher] stillschweigend als Bedingung einer autonomen Gesellschaft: je heller die Einzelnen, desto erhellter das Ganze.“

Nicht die Bildungspolitik, sondern die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, der es nicht gelingt auf Begriff und Bedeutung von Bildung zu reflektieren, und die ihre eigene Bestimmung aus den Augen verliert, ist dem Niedergang näher als sie allgemein vielleicht vermutet.

Deshalb ist es gut, dass wir uns heute zusammengefunden haben um unsere Meinung kund zu tun, statt in der Vereinzelung zu verzagen. Selbstbestimmung beginnt hier, mit dem Bewusstsein über die Dringlichkeit emanzipatorisch-solidarischen Handelns in der Gesellschaft. Emanzipatorisch-solidarisches Handeln ist das Sich-Nicht-Zufriedengeben mit dem bloßen Begreifen der gesellschaftlichen Realität und das Darüberhinausgehen über das niedrigen Interesse und den Anspruch, nur das eigene Leben zu verbessern. Dafür würde eine Selbsthilfegruppe ausreichen. Würde man desweiteren nur für die eigenen Belange, sprich: nur für Studiengebühren, oder nur für die Wieder-Abschaffung des G8 seinen Hintern hoch bekommen, so betriebe man nur eigennützige Lobby-Politik! Doch das Motto der Demo ist umfassender, solidarischer: denn Bildung geht jeden an! Und deshalb ist nur dasjenige politisches Engagement wirklich emanzipatorisch-solidarischer Art, das auch die eigenen Interessen hinten anstellen kann, und dabei zugleich alle Ebenen berücksichtigt: das verstehende Begreifen der gesellschaftlichen Realität, das Bedürfnis sich und die Welt zu verändern, und dabei solidarisch mit den Interessen anderer zu sein. So lasst uns gemeinsam losziehen. Für freiheitliche Bildung!

3) Minimalforderungen

Nichts desto Trotz unsere Minimalforderungen, in denen sich gesellschaftlicher Wandel jedoch bei weitem nicht erschöpfen darf:

- Abschaffung des sozial-selektiven viergliedrigen Bildungssystems

- Abschaffung der Studiengebühren

- Einführung einer verfassten Studierendenschaft

- Stopp des unmittelbaren Einflusses der Wirtschaft auf die Hochschulen

- Tatsächliche Demokratisierung der Hochschule mit drittelparitätischer Mitsprache, d. h. gleiche Mitsprache, für Studierende, wissenschaftsstützendes Personal, akademischen Mittelbau und Professorenschaft.

[Literatur: Th. W. Adorno, Theorie der Halbbildung.]

Donnerstag, 19. Juni 2008

Bildungswahnsinn stoppen

Am 24.06. gehen wir auf die Straße ...
Bayernweit in Augsburg - 15.00 Uhr Rathausplatz.
"Bildungswahnsinn stoppen" lautet das Motto, bis dahin heisst es Freunde, Verliebte, Bekannte und Feinde ansprechen.
Nachdem in Hessen in den letzten 2 Wochen fast täglich Studenten auf der Straße waren, Studiengebühren in Hessen Geschichte sind, in NRW am verg. Dienstag knappe 3000 Studenten gegen Studiengebühren demonstrierten und auch in Freiburg spontan die Post abging sind wir an der Reihe.
Wir wollen laut sein, auf die Straße gehen, wir wollen zivilen Ungehorsam üben, vor allem wollen wir uns Studiengebühren nicht länger gefallen lassen.
Jeder darf, es muss nicht gleich ein Schwarzer Block sein.
Auch der Weg zur Demo hin in Kleingruppen darf schon Spaß machen, Reclaim the Streets, eine kleine 10 Minütige Blockade vielleicht - Selbsternannte Clowns Army - die Straße gehört euch.
Informationen findet man zum Beispiel in der kleinen Zusammenfassung von Aktionsformen, bzw. Demo Ideen.
Oder Ganz Ausführlich im 3. Kapitel des Protesthandbuches.
Ein Rückblick zur Demo in Frankfurt vergangenen Januar, an dem auch zahlreiche Augsburger präsent waren findet ihr hier.

Nähere Infos auch unter: http://www.asta-augsburg.de
Hier das Plakat - hier die Presseerklärung

Sonntag, 15. Juni 2008

Reform oder Deform

"Zwischen Bologna Realität und Bologna Rethorik liegen Welten"
Ein gelungener Radio Beitrag der SWR 2 Aula mit Heike Schmoll (FAZ)
Im Zuge der Modularisierung der Studiengänge "... wird schon ein Wechsel zwischen Bochum und Düsseldorf unmöglich!"

"Jedenfalls ist die Bolognisierung nicht so unausweichlich, wie sie scheinen mag. Sie wird erst dann unausweichlich, wenn immer mehr Beteiligte an ihre Unausweichlichkeit glauben.
Bildung hat aber auch mit dem Anspruch zu tun, vermeintliche Gewissheiten ihres illusionären Charakters zu überführen. Denn Bildung ermöglicht reflexive Distanz. Die Distanz zu sich und den Geschehnissen macht den Unterschied zu Unbildung aus. Eine Gesellschaft, die sich der Möglichkeit beraubt, Illusionen als solche zu erkennen, hat sich mit Haut und Haaren der Unbildung verschrieben. Und von Bildung ist im Zuge der Bologna-Reformen mit gutem Grund nicht die Rede. Wenn überhaupt von Bildung die Rede ist, dann im neuen Missverständnis der Bildung als Ausbildung."


hier der direkte Link zur MP3 Datei , zum Skript
hier der direkte Link zum SWR2 Aula - Reform oder Deform

Dienstag, 10. Juni 2008

Eskalation in Hessen

morgen wird es wieder eine Demo geben,
die Situtation in Hessen spitzt sich zu nachdem klar ist das Roland Koch sich weigert ein Gesetz des Hessischen Parlamentes zu unterzeichen. Ohne diese Unterschrift wird es weiter Studiengebühren in Hessen geben. Und das trotz eines mehrheitlich abgeschlossenen Gesetzes des Hessischen Landtages, welches Studiengebühren verbietet. Trotz massiver und fortdauernder Proteste. Trotz der offenkundigen Verfassungswidrigkeit in Hessen. Studenten die noch im Januar "Roland Koch - Arschloch" durch die Frankfurter Innenstadt skandierten hatten wohl nicht ganz unrecht und apropo "Fortdauernd", morgen dem Mittwoch trifft man sich in Frankfurt um 18.00 Uhr am Südbahnhof zum geselligen zivilen Ungehorsam: "Lust oder Frust" heisst das Motto.
Wer kann darf kommen.
http://abs-bund.de/aktuelles/3833.html

 
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